Fracking: Schönreden und totschweigen

Fracking: Schönreden und totschweigen

geschrieben am 17. November 2014 von Joerg Wellbrock

Von Jörg Wellbrock alias Tom W. Wolf
Hand-Stop-frackingBild: gegen-gasbohren.de

Ist das Fracking auf dem Vormarsch in Deutschland? Noch vor ein paar Monaten hieß es fast unisono aus der Richtung der Bundesregierung, bis auf weiteres werde die umstrittene Technik hierzulande nicht zugelassen. Kurz darauf wurden erste Ausnahmen diskutiert. Jetzt soll eine sechsköpfige Kommission Bohrungen bis zu 3.000 Meter Tiefe analysieren. Kommt dabei „absolute Unbedenklichkeit“ heraus, ist der Weg wieder ein bisschen freier für den Weg in die Tiefen des Grundwassers.

Wenn Kanzleramtsminister Peter Altmeier (CDU) sich mit dem Wirtschaftsflügel der Union zusammensetzt und Vertreter der Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie und Energie zusammenkommen, darf man davon ausgehen, dass nicht über die Schönheit klarer Bäche oder die Reinheit deutschen Wassers gesprochen wird. Kommt zur Runde noch der Bundesverband der deutschen Industrie dazu, ahnt man, was die Stunde schlägt. Besonders wenn das Gesprächsthema Fracking heißt.

Fracking: Machen wir auf jeden Fall nicht nicht

Gefrackt wird in Deutschland schon lange. Aber nur in Tiefen unterhalb von 3.000 Metern. Das Verfahren wird „konventionelles Fracking“ genannt. Im Gespräch ist jetzt das „unkonventionelle Fracking“, das Bohrungen in geringeren Tiefen zulässt. Das hat jedoch hat zahlreiche Kritiker auf den Plan gerufen, die massive Gefahren sehen und das Fracking weiterhin verhindern wollen. Laut Handelsblatt könnte das sogar gelingen, online ist nachzulesen: „Und deren Chancen, sich gegen die Interessen der Wirtschaft durchzusetzen, stehen trotz des enormen wirtschaftlichen Erfolges des Fracking in den USA nicht schlecht.
Wer’s glaubt, wird selig. Oder krank. Oder beides.
Die aktuellen Pläne zeigen im wesentlichen eines: Fracking wird für die Industrie immer verlockender. Für die Politik ebenfalls, lockt doch die Aussicht auf vermeintliche Unabhängigkeit vom Ausland in der Energieversorgung. Da werden vernunftgesteuerte Gedanken schon mal beiseite gewischt. Erst Recht, weil sich niemand mit den großen Konzernen anlegen will.

Kritik an Kritikern

Die Kritiker des Frackings befürchten nicht nur Gefahren für die Qualität des Grundwassers, sie schließen auch das vermehrte Auftreten von Erdbeben nicht aus. Dass die Tier- und Pflanzenwelt in Gefahr ist, spielt öffentlich keine große Rolle, doch in der Gesamtheit betrachtet bleiben viele Fragen offen. Das ficht Industrie und Politik jedoch immer weniger an. So meldet sich von offizieller Stelle ein Mann namens Hans-Joachim Kümpel zu Wort, seines Zeichens Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Die Angst vor den Gefahren für das Grundwasser kann der Mann nicht teilen. Das Wasser da unten sei ohnehin nicht so sauber, wie die Menschen immer denken. Im Wasser in den Fracking-Tiefen seien, so Kümpel, „20 oder gar 30 Prozent Salze, zudem noch Schwermetalle und andere Stoffe enthalten“. Ein paar Prozent Chemikalien der Unternehmen, die am Fracking verdienen, mache da den Kohl auch nicht fett, so der BGR-Präsident sinngemäß. Die „volkstümliche Vorstellung, dass das Wasser in diesen Tiefen besonders rein sei, ist ein großes Missverständnis“, wird Kümpel im Handelsblatt zitiert.
Das klingt ein bisschen wie die Logik, dass man einen See gutgelaunt mit Chemikalien zuschütten und vergiften kann, wenn er denn vorher schon genügend Müll enthielt. Den naturgegebenen Eigenschaften des Grundwassers vertraut Kümpel offenbar nicht. Den Konzernen, die ihre Bohrer schon mal schleifen, dagegen sehr. Die zwei Prozent Chemikalien, die beim Fracking verwendet werden, können so schlimm ja nun nicht sein – sprach der Mann, der offenbar selbst keinen Schimmer hat, um welche genau es sich handelt. Und damit wird ein weiteres Problem deutlich: Informationsmangel.

Unser kleiner Chemiebaukasten

Die Forscher um Viorel Popescu von der Simon Fraser University in Burnaby (Kanada) haben sich mit dem Thema Fracking beschäftigt. Und schlagen Alarm! Politik und Industrie – so ist am 1. August 2014 in der „Welt“ nachzulesen – müssten zusammenarbeiten, um die Risiken des Frackings zu minimieren. Klingt richtig und wichtig, aber leicht ist das nicht, insbesondere, wenn Informationen Mangelware sind. So sind die von Herrn Kümpel angesprochenen Chemikalien, die für das Fracking benutzt werden, weitgehend unbekannt. In Nordamerika werden angeblich bis zu 20 verschiedene Stoffe eingesetzt, deren genaue Namen und Zusammensetzungen jedoch mindestens so diskret behandelt werden wie das Geheimnis der Coca Cola. Das kann Folgen für die Umwelt haben, die nicht einmal ansatzweise bekannt sind. Zwar experimentieren die Konzerne mit neuen Chemikalien, beruhigend ist dieses Learning-by-doing allerdings nicht. Immerhin wird nicht in gesicherten Labors an den Zutaten gewerkelt, sondern unter der Erde, mitten im Bauch von Mutter Natur. Was die verträgt oder nicht verträgt, steht in den Sternen. Und am Ende könnte es sich ganz konkret hier auf der Erde auswirken und Mensch und Natur aus dem Gleichgewicht geraten lassen.

Fracking ist unauffällig, sogar wenn etwas passiert

Alles nicht so schlimm, oder?
Brennende Wasserhähne, Erdbeben, ungenießbares Grundwasser, zerstörte Natur, tote Tiere, langfristig unbekannte Folgen, alles reine Panikmache. So könnte man die Botschaft der Industrie zusammenfassen, wenn es um Gefahren geht. Allerdings zeigt sich eben diese Industrie ziemlich zugeknöpft, wenn es um die Dokumentationen von Unfällen geht. Die Wissenschaftler um Viorel Popescu haben festgestellt, dass beim Thema Unfälle durch/mit Fracking ein recht kollektives Schweigen herrscht. Ebenso wortkarg wie bei den Zusammensetzungen ihrer Chemiebaukästen präsentieren sich die Fracking-Unternehmen bei der Frage nach Unfällen. Nur fünf der untersuchten 24 Bundesstaaten haben öffentliche Register, die über Unfälle Auskunft geben. Für alle anderen gilt: Kein Register, keine Unfälle.
Herrlich einfach ist das.

Der Mensch tut, was er tun kann, die Industrie macht, was sie will

Es liegt in der Natur des Menschen, dass er forscht. Er ist neugierig, wissenshungrig und will experimentieren. Dagegen ist an sich nichts auszusetzen. In der Geschichte der Menschheit kam es allerdings immer wieder vor, dass die Folgen von Forschungen und Experimenten weitreichend waren und im Vorfeld falsch oder – was noch schlimmer ist – gar nicht eingeschätzt wurden.
Für Fracking gilt das auch, und noch viel mehr, denn Forscherdrang steht bei dieser Technologie nicht im Vordergrund. Vielmehr geht es um reines Gewinnstreben auf Seiten der Industrie und um eine Politik, die nicht auf Verantwortungsbewusstsein und Sorge um Mensch und Umwelt basiert, sondern darauf, die Energie-Lobby zu unterstützen bzw. ihr nicht die Stirn zu bieten.
Die Entwicklung in der deutschen Politiklandschaft beim Thema Fracking ist nicht nur besorgniserregend, sondern unverschämt und gefährlich. Waren zu Beginn die Bedenken auch bei der Politik recht groß, werden sie inzwischen nach und nach aufgeweicht und weggewischt. Die Debatte über das unkonventionelle Fracking zeigt das eindrucksvoll. Das ist nicht ansatzweise zu verstehen, denn über die Folgen des Frackings ist heute nicht viel mehr bekannt als vor einem oder zwei Jahren.
So gesehen ist es sicher kein Zufall und nicht weiter verwunderlich, dass es bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe ein „Neues Faktenblatt“ gibt. Das ist so neu, dass es datiert ist mit dem 25.10.2012.
Nichts genaues weiß man also nicht.
Und: Die oben zitierte „absolute Unbedenklichkeit“ kann es nicht geben. Dazu sind die Wissenslücken zu groß. Das wird auch ein Peter Altmeier wissen. Nur interessiert es ihn offenbar nicht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s