BRIGHTS – Die Gescheiten kommen

Die Gescheiten kommen

Die „Brights“ in Deutschland

Um 2003 hatten einige religionsferne Wissenschaftler, Philosophen und Kritiker im angelsächsischen Sprachraum das Gefühl, dem kurrenten Irrationalismus müsse doch wirkungsvoller beizukommen sein als bisher. Ein neuer,positiver,einladender Begriff für rationale Kritik und Wissenschaft fernab der Götter, Mythen und Dogmen müsse gefunden werden.

Die Aktiven verfielen auf die Idee, das Adjektiv „bright“ (englisch für helle, schlau, gescheit) zu substantivieren und sich fortan die „Brights“ zu nennen. Die ersten Blogs und Websites waren schon länger da, Ende Juni ist die Bewegung auch offiziell in Deutschland angekommen, und zwar in Form eines Fördervereins. Telepolis sprach mit Peter Janotta, dem Vorsitzenden der Brights-FG e.V. über die Förderung der Aufklärung in dunklen Zeiten.

Peter Janotta

Herr Janotta, Sie sind der Vorsitzende der vereinsmäßig organisierten Brights in Deutschland, Sie müssen es wissen: In welcher Hinsicht ist ein „Bright“ heller als seine Umgebung?

Peter Janotta: Überhaupt nicht! Unter den Brights gibt es genauso kluge und dumme Menschen, wie auch unter den Mitgliedern der Religionsgemeinschaften.

Meine Antwort mag Sie vielleicht etwas überraschen. Wie sollte man den Namen „Brights“ denn schließlich sonst sinnvoll übersetzen? Auch darauf lautet die Antwort: Überhaupt nicht. Denn „Brights“ ist als Eigenbegriff gedacht. Ähnlich wie der Begriff „gay“ von der Homosexuellen-Bewegung gekapert wurde haben Naturalisten den Begriff „Brights“ geprägt, ohne sich dadurch über Andere erheben zu wollen. Beim Begriff „gay“ käme ja auch niemand auf die Idee, das mit „fröhlich“ zu übersetzen und alle Heteros für unglücklich zu erklären. Für Anhänger des Glaubens an Übernatürliches hat die Brights-Bewegung übrigens auch einen Begriff geprägt: Supers. Dieser ist ebenso positiv besetzt. Eine begriffliche Abgrenzung von gut oder böse, schlau oder dumm wird also mit der Benennung nicht angestrebt.

Marcus Hammerschmitt

Bei den Brights stößt man schnell auf die Begriffe „Naturalismus“, „naturalistische Weltsicht“ – was ist damit gemeint?

Peter Janotta: Naturalismus ist eine philosophische Strömung, die aussagt, dass alles mit rechten Dingen vor sich geht. Die Wissenschaft etwa geht vom so genannten methodischen Naturalismus aus. Das heißt, sie sucht nach festen Regeln zur Erklärung eines Sachverhalts und begnügt sich nicht mit der Annahme transzendenter Kräfte. Der Naturalismus weitet diese Sichtweise auf die gesamte Realität aus.

Zu dem Thema lassen sich sicherlich Unmengen an philosophischer Fachliteratur finden. Die Brights haben sich in ihrer Definition darauf beschränkt, dass ein naturalistisches Weltbild dadurch gekennzeichnet ist, dass es keine mystischen oder übernatürlichen Elemente beinhaltet.

Schon im Gründungsjahr der Bewegung 2003 kritisierte Jaron Lanier – sicher einer der hellsten Köpfe, die sich denken lassen – die Konzepte der Brights als unausgereift. Ein Kampf gegen Windmühlen sei das, zudem setze man sich mit dem selbstgewählten Namen dem Verdacht der Arroganz, ja sogar des Machthungers aus, mehr Gelassenheit und Respekt gegenüber den „Normalos“ sei angeraten. Ihr Kommentar?

Peter Janotta: Wie gesagt sieht sich die Brights-Bewegung als positive Kraft. Es geht mehr darum, Verständnis für die Situation der Brights zu schaffen, als etwas zu bekämpfen. Was den Begriff „Brights“ angeht, so ist dieser zwar nicht arrogant gemeint, soll aber durchaus Aufmerksamkeit erzeugen. Der „Brights, was ist das denn“-Effekt ist nicht zu unterschätzen. Dass ich dieses Interview mit Ihnen führe, zeigt, dass dieses Konzept aufgeht.

In den aktuellen FAQs des Brightsblog heißt es, der Bewegung könne es nicht um den Kampf gegen die Religion gehen, sondern um das, was Richard Dawkins schon ganz am Anfang angemahnt hat: den öffentlichen Respekt für kritische, atheistische, säkulare Überzeugungen. Also ein liberales Programm, das vom gleichen Recht auf Respekt für alle ausgeht. Wenn es aber das Wesen der Religion ist, dieses Recht nur für sich selbst in Anspruch zu nehmen und bei jeder sich bietenden Chance auch zu usurpieren – wird dann der Kampf gegen die Religion nicht unvermeidlich? Drückt sich das nicht schon in der Werbung für vehement religionskritische Literatur aus, die die FAQ begleitet?

Peter Janotta: Beim Brightsblog handelt es sich um ein privates Angebot eines aktiven Bright. Er gehört nicht zum Onlineangebot des Vereins.

Natürlich ist es nicht einfach, das richtige Maß zu finden. Aber die Missstände, die zu einer Ungleichbehandlung von Brights gegenüber religiösen Menschen führen, können ja direkt angesprochen werden, ohne das Wesen der Religionen pauschal dafür verantwortlich zu machen. Im Allgemeinen würde das wohl auch nicht richtig sein, denn es gibt viele Gläubige, die diese Ungleichbehandlungen genauso wenig berechtigt sehen wie die Betroffenen. So gibt es z.B. christliche Gruppen, die sich gegen die Subventionen der Kirchen richten.

Erschwert wird der Verzicht auf Religionskritik innerhalb der Brights-Bewegung durch wiederkehrende Falschdarstellungen der Brights als eine Art antireligiöse Kampftruppe (z.B. im Spiegel). Dadurch stoßen Interessierte teilweise mit völlig falschen Vorstellungen zu den Brights und müssen dann erst mal vom eigentlichen Konzept überzeugt werden.

Trotz des Verzichts auf Religionskritik in den Prinzipien der Brights wird jedoch nicht strikt verboten, Religionskritik auszuüben. Diese Kritik sollte dann aber nicht in Bezugnahme auf die Zugehörigkeit zu den Brights erfolgen. So wie sich ein Mitglied eines Sportvereins auch gleichzeitig in einer Partei engagieren kann, obwohl Wahlwerbung im Verein wohl eher unerwünscht ist.

Manche würden sagen, dass die Initiative der Brights schon deswegen verfehlt ist, weil sich die vorherrschende Religion in Europa, das Christentum, der Vernunft und der Toleranz weit geöffnet habe. Man nehme nur Bischof Gianfranco Ravasi, der bei der nächsten Biennale in Venedig einen Vatikan-Pavillon einrichten will und scheinbar zu allerlei „blasphemischen“ modernen Kunstwerken nur noch mit den Schultern zuckt, ja sogar vom rein ästhetischen Standpunkt her Lob für sie findet. Müssten die Brights nicht vor allem in Saudi-Arabien und im Iran aktiv werden?

Peter Janotta: Hier zeigt sich, dass sich das Konzept nicht Eins zu Eins von den USA auf den deutschsprachigen Raum übertragen lässt. Zwar sind auch hier die Prinzipien der Brights-Bewegung für ihre Ausrichtung bestimmend, aber die Arten der Ungleichbehandlungen sind anderer Natur. Während in den USA die Brights vor allem mit der Verachtung eines Lebens ohne Gottesbezug zu kämpfen haben, wird das hier weitgehend akzeptiert. Zwar gibt es auch hier immer wieder Kräfte, die ein ethisches Verhalten nur in Verbindung mit einem Gottesglauben in Einklang bringbar sehen, die große Mehrheit der Bevölkerung scheint aber in den Brights keine schlechteren Menschen zu sehen.

Dass das Christentum sich im deutsprachigen Raum relativ aufgeschlossen zeigt, ist sehr zu begrüßen und bildet einen Ansatzpunkt zum Dialog, der ja auch zu den Zielen des Vereins gehört. Trotzdem gibt es aber leider auch in Europa Handlungsbedarf, was die Gleichberechtigung konfessionsfreier Bürger angeht.

Ungleichbehandlungen im deutschsprachigen Raum treten eher durch die historisch gewachsene Verflechtung von Staat und Kirche auf, während dieses Problem wiederum in den USA unbedeutend ist. Neben den Subventionen und Privilegien der Religionsgemeinschaften durch den Staat (siehe dazu zum Beispiel Laizisten.de) sind es hier vor allem die Diskriminierung von anders Denkenden durch konfessionelle Arbeitgeber, die den Brights zu schaffen machen.

Die Förderung von weltanschaulichen Pluralismus in Saudi-Arabien oder Iran ist natürlich höchst erstrebenswert, stellt sich in der Praxis aber als äußerst schwierig dar. Der Verein kann Betroffenen in diesen Ländern aber zumindest soweit zur Seite stehen, in dem er ihnen hilft, auf ihre Situation dort aufmerksam zu machen.

Wer kann Mitglied a) der Brights, b) Ihres Vereins werden? Ist es nötig, wie zum Beispiel beim IBKA, konfessionslos zu sein?

Peter Janotta: Keineswegs! Die von der Brights-Bewegung herangezogene Definition des Naturalismus schließt zum Beispiel auch manche Ausprägungen pantheistischen Gottesglaubens mit ein. Die Definition ist extra relativ breit gehalten, um möglichst viele Menschen verschiedenster Überzeugungen die Chance zu bieten, sich im Rahmen der Brights-Bewegung zu engagieren. Eine formelle Mitgliedschaft gibt es für die Brights-Bewegung nicht. Dazu gehört, wer sich mit dem Konzept anfreundet und als Bright bezeichnen möchte. Man kann sich aber zusätzlich als Bright registrieren lassen.

Im deutschsprachigen Raum haben das bereits mehr als 1.700 Personen getan. Die Mitgliedschaft im Verein ist lediglich daran geknüpft, dass die Satzung respektiert wird. Wer sich mit den in der Satzung genannten Ziele identifizieren kann, ist gerne eingeladen dem Verein beizutreten.

Wo wir davon sprechen – wie sehen die Beziehungen der Brights FG zu den anderen Organisationen des expliziten Säkularismus in Deutschland, zum Beispiel zu dem schon erwähnten IBKA oder der GWUP?

Peter Janotta: Da der Verein erst gegründet worden ist, sind wir noch beim Aufbauen von Kooperationen. Wir arbeiten im Moment an einer intensiven Zusammenarbeit mit anderen Organisationen. Ein Grund für den Vereinsgründung war, dass sich dadurch die Kommunikation zwischen den Brights und anderen Organisationen besser bewerkstelligen lässt. Als einzelner Bright konnte man bisher nur sich selbst vertreten, weshalb Kooperationen schwierig waren.

Zum Verhältnis von Bewegung und Verein – wie will der Verein die Ziele der Bewegung unterstützen?

Peter Janotta: Primär dient der Verein als Ansprechpartner für Interessierte, der objektiv über die Prinzipien der Brights informiert und hilft Kontakte zu anderen Organisationen aufzubauen. Zudem betreibt der Verein eine Organisationsplattform, die es den Individuen der Brights-Bewegung erlaubt, miteinander in Kontakt zu treten, um so gemeinsame Aktionen zu planen. Auch können Aktionen vom Verein finanziell unterstützt werden, insofern diese mit den Zielen in der Satzung vereinbar sind.

Daneben wird der Verein in seinem Namen aber auch eigene Veranstaltungen organisieren. Dadurch, dass der Verein eine größere Gruppe vereint, kann er für diese Stellungnahmen abgeben, während ein Individuum der Brights-Bewegung streng genommen nur für sich selbst reden kann.

In der Brightsblog-FAQ ist von „Aktionen“ die Rede, mit denen die Brights ihren Standpunkt in der Öffentlichkeit zu Gehör bringen sollen. Seit einiger Zeit nutzt der Komiker Pat Condell YouTube als Basis für seine Kurzansprachen über das Christentum, den Islam, Religion im Allgemeinen und Anderes, was ihm auf der Seele liegt – wie man an den Zugriffszahlen sieht, durchaus mit Erfolg. Sind das Aktionen nach dem Geschmack der Brights? Ist Pat Condell ein bekennender Bright?

Peter Janotta: YouTube als Basis ist eigentlich ein ideales Feld für die Brights, leider bislang noch viel zu wenig erschlossen. Aktivitäten kann der Verein forcieren, aber die Beiträge müssen aus der Bewegung selbst kommen. Ob sich Pat Condell als Bright bezeichnet ist mir nicht bekannt. Wegen des religionskritischen Charakters seiner Videos wären ähnliche Aktionen im Namen der Brights wohl nicht mit den Prinzipien vereinbar. Zu den Aktionen der Brights-Bewegung möchte ich zwei Beispiele nennen.

Im Mai 2007 war von Seiten der Organisation „Campus für Christus“ ein Vortrag eines Anhängers des Junge-Erde-Kreationismus an der Universtät Würzburg geplant. Da dadurch fälschlicherweise der Eindruck entstünde, dass Kreationismus eine Theorie sei, die sich an streng wissenschaftliche Kriterien hält, haben einige Brights und Mitglieder der GWUP den Universitätspräsidenten angeschrieben und ihn über ihre Bedenken aufgeklärt. Die Veranstaltung wurde daraufhin in einen Saal der CVJM verlegt.

Prof. Dr. Ludwig Schick, Erzbischof von Bamberg, erklärt in einem Artikel, dass die Gesellschaft ohne Religionsunterricht Gefahr laufe, einen Mangel an „ethisch und moralisch gefestigten, gemeinwohlorientierten, Menschenwürde und Menschenrechte wahrenden Persönlichkeiten“ zu erleiden. Damit stellt er die Moral und Ethik religionsferner Menschen in Frage. Daraufhin traten wir mit Herrn Schick in Kontakt und stellten klar, dass weder religiöse noch areligiöse Menschen als ethisch überlegen anzusehen sind.

Auch wenn sich die Brights nicht primär als Religionskritiker verstehen – wie erklären Sie sich die gestiegene Popularität von Religionskritik in Deutschland, die sich zum Beispiel auch in dem Erfolg von Büchern wie „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel“ ausdrückt?

Peter Janotta: In einer zunehmend einseitigen Berichterstattung in den Medien zu Gunsten der Religion. Die Menschen haben einfach genug davon und denken schließlich auch mit. Bisher ging die Entwicklung eher dahin, dass sich die Menschen im deutschsprachigen Raum mehr und mehr gleichgültig gegenüber der Religion zeigten. Nun wurde aber vielen klar, dass Religiöse trotz der schwindenden Anhängerzahlen in vielen Bereichen Vormachtstellungen besetzen. Mit der ersten Welle offensiverer Religionskritik in den letzten Jahren war dann der Knoten geplatzt. Viele fühlen sich auch heute noch von den Religionen unter Druck gesetzt und finden nun den Mut sich dagegen zu wehren.

Die Brights wollen dem hauptsächlich dadurch entgegentreten, dass sie Verständnis für ihre Situation schaffen wollen. Es gibt Bürger, die sehen den Grund dieser Ungleichbehandlungen in der Religion als Solches und betreiben daher Religionskritik.

Zu guter Letzt – wie sehen die bisherigen privaten und öffentlichen Reaktionen auf die Gründung des Vereins aus?

Peter Janotta: Bisher durchweg positiv. Sogar zwei Theologen, die mit mir ein Interview für eine lokale Tageszeitung führten, waren von dem Konzept positiv überrascht. Wir sind aber auch jederzeit offen für Kritik.

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