#Atommüll: Wundersame Vermehrung

Atommüll

Wundersame Vermehrung

Bundesregierung rechnet nun mit doppelt so viel radioaktiven Abfällen. Endlagerfrage genauso ungeklärt wie Verantwortung für beschädigte Atommüllfässer.
Reimar Paul

In Morsleben lagern knapp 37.700 Kubikmeter Atommüll – auch die Stillegung dieses Lagers verzögert sich
FOTO: Jens Wolf/dpa/Bildfunk
19.11.2014

Quasi über Nacht hat sich die Menge des in Deutschland angefallenen und noch anfallenden schwach- und mittelradioaktiven Atommülls mehr als verdoppelt. Ging die Bundesregierung bis vor kurzem noch von 298.000 Kubikmetern strahlenden Abfällen aus, so rechnet sie jetzt mit etwa 600.000 Kubikmetern. Das geht aus dem Entwurf eines »nationalen Entsorgungsplans« hervor, den die Regierung derzeit mit den Bundesländern abstimmt.

Die neue Zählung berücksichtigt – wie von Atomkraftgegnern schon lange gefordert – erstmals auch offiziell die radioaktiven und giftigen Rückstände aus der Urananreicherung. Das abgereicherte Uran schlägt mit rund 100.000 Kubikmetern zu Buche. Bislang war es aus der Bilanz gefallen, weil man es als »Wertstoff« betrachtete.

Der Kurswechsel stößt soweit auf Zustimmung von Umweltschützern und Opposition. »Es ist gut, dass die Bundesregierung beim Thema Atommüll beginnt, sich der Realität zu stellen«, sagte der Experte der Linksfraktion im Bundestag zu dem Themenbereich, Hubertus Zdebel, am Dienstag. Jetzt müsse die Regierung aber auch die rechtlichen Konsequenzen ziehen und den Uranmüll offiziell als radioaktiven Abfall deklarieren.

Auf weitere 200.000 Kubikmeter wird das Volumen der Fässer taxiert, die aus dem havarierten Bergwerk Asse herausgeholt werden müssen. In die ehemalige Kaligrube im Kreis Wolfenbüttel wurden zwischen 1967 und 1978 neben etlichen Behältern mit Chemierückständen auch 126.000 mit Atommüll gebracht. Nach der Bergung, sofern diese überhaupt gelingt, muss der strahlende Abfall neu verpackt werden. Auch die Asse-Fässer waren bisher von der Regierung nicht berücksichtigt worden.

Die Berechnungen werfen neue Fragen auf. Vor allem danach, wo das alles entsorgt werden soll. Bisher gilt das frühere Eisenerzbergwerk »Schacht Konrad« in Salzgitter für die Aufnahme der schwach- und mittelradioaktiven Abfälle als gesetzt. Das Problem: Für »Konrad« ist lediglich die Verbringung von bis zu 303.000 Kubikmeter Müll erlaubt. Eine Vergrößerung des Endlagers wäre nur mit einem neuen Genehmigungsverfahren möglich. Laut »Entsorgungsplan«-Entwurf will die Regierung darüber aber erst entscheiden, wenn es in Betrieb ist. Derzeit ist dafür das Jahr 2022 angepeilt.

Umweltschützer in Salzgitter und Umgebung wurden aufgeschreckt. »Was sich hier abzeichnet, ist ein großangelegter Betrug an den Menschen in und um Salzgitter«, erklärte der Landwirt Ludwig Wasmus von der atomkraftkritischen »Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad« am Dienstag. Er kritisierte, dass bei der Endlagersuche zwar Transparenz beschworen, diese aber nicht eingelöst werde: »Wenn die Bundesregierung mehr und anderen Müll in Schacht Konrad lagern will, dann soll sie die Karten auf den Tisch legen und die Erweiterung jetzt beantragen.«

Viele Initiativen und die Linkspartei fordern nun, das Mandat der Endlager-Kommission auszuweiten. Bislang soll das Expertengremium die Suche nur nach einem Depot für hochradioaktive Abfälle vorbereiten. »Was wir brauchen, ist eine umfassende Debatte über alle Arten von Atommüll«, so Linkspartei-Fachmann Zdebel. Nicht nur die Frage der langfristig sicheren Lagerung hochradioaktiven Mülls sei ungelöst, »auch bei den leicht- und mittelradioaktiven Abfällen stehen wir vor einem Scherbenhaufen«.

Um das Problem nicht noch größer werden zu lassen, ist es nach Meinung der Antiatomorganisation »ausgestrahlt« zudem höchste Zeit, die weitere Produktion von Atommüll schneller als vorgesehen zu stoppen. Das betrifft sowohl die neun noch laufenden Kernkraftwerke wie auch die Brennelementefabrik in Lingen und die Urananreicherungsanlage in Gronau.

Außerdem wies deren Sprecher Jochen Stay am Mittwoch darauf hin, dass ermittelt werden müsse, wer für kaputte Atommüllfässer verantwortlich sei. Das NDR-Magazin »Panorama 3« berichtete am Dienstag abend, dass an 17 Standorten in Deutschland insgesamt fast 2.000 davon existieren, die verrostet oder anderweitig beschädigt sind. Dieses Ausmaß war bislang unbekannt. »Als Begründung weisen die Eigentümer des Mülls und die Behörden unisono darauf hin, dass ursprünglich eine frühere Einlagerung in ›Schacht Konrad‹ geplant gewesen sei und niemand damit gerechnet habe, dass diese Fässer so lange oberirdisch aufbewahrt werden müssen«, so Stay. Dabei werde die Zwischenlagerung immer nur befristet von den Behörden genehmigt. Nun müsse geklärt werden, ob sich Betreiber darüber hinweggesetzt oder Behörden der jahrzehntelangen unsachgemäßen Verwahrung zugestimmt hätten.

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