ORF-DOKeins: Unter Verdacht – Im Visier der #Geheimdienste

ORF-DOKeins: Unter Verdacht – Im Visier der #Geheimdienste

http://www.ceiberweiber.at/index.php?type=review&area=1&p=articles&id=3243

http://derstandard.at/2000008865665/Settele-Der-Geheimdienst-muss-nur-das-Kabel-hinhalten

http://youtu.be/eUb7RKMu8zY

Neue ORF-Doku über Geheimdienste:

Etwas oberflächlich

(6.12.2014) Als neues Format bewirbt der ORF Dokumentationen in Spielfilmlänge, von denen die erste am 4. Dezember unter dem Titel „Unter Verdacht – Im Visier der Geheimdienste“ gesendet wurde. Redakteur Hanno Settele, früher Korrespondent in Washington, spricht mit zahlreichen Experten und zeigt, wie Überwachung im Alltag funktioniert. Freilich werden auch Klischees über Wien als Spionagehauptstadt aufgewärmt und man verwechselt Massenüberwachung bewusst mit Spionage.

Immerhin hat Settele auch die Whistleblower Annie Machon (Ex-MI5) und Thomas Drake (Ex-NSA) interviewt. In Spielszenen sieht man, wie scheinbar harmlose Alltagstätigkeiten wie Joggen mit Kilometerzählen und die Teilnahme an Weight Watchers-Programmen (alles mittels Apps) oder das Fotografieren mit dem Handy den Geheimdiensten Daten liefern. Es scheint, dass Frauen besonders naiv sind bzw. dass man für diese Sequenzen eben vor allem Bürgerinnen verwenden wollte. Ein IT-Experte, der einen ähnlichen Nick wie ein Anonymous-Mitglied benutzte, schildert hingegen, wie er plötzlich eines Morgens von abgeblichen Installateuren aufgeweckt wurde, die in Wirklichkeit von der Polizei waren.

Mit dieser Geschichte, Animationen und Tafeln, auf denen (wie im Krimi, wenn ermittelt wird und Tatorte zueinander in Bezug gesetzt werden) Informationen miteinander vernetzt werden, soll verdeutlicht werden, dass Geheimdienste Verknüpfungen zwischen Personen herstellen, Bewegungsmuster und Verhaltensweisen analysiert werden. Es ist sicher lehrreich für viele, das mal so direkt gezeigt zu bekommen – rund eine Viertelmillion Zuseherinnen und Zuseher hatte der Start der Doku-Reihe.

Wirklich aus dem Nähkästchen geplaudert haben aber nur Machon und Drake, auch was den Kampf der Geheimdienste gegen sie betrifft, als sie zu Whistleblowern wurden. Dabei hätte Interviewpartner Gert Polli, früher Chef des Verfasssungsschutzes (beim Heeresnachrichtenamt als Agent ausgebildet) einiges beitragen können, und ebenso der grüne Peter Pilz. Wollte (dürfte) der ORF den Schauplatz Österreich abseits der Klischees von gemütlichen Agententreffs in Wiener Kaffeehäusern ernsthaft behandeln, hätte die Intrige der USA gegen Polli (unter Mitwirkung auch von Pilz) thematisiert werden müssen. Denn da Polli die Tätigkeit der Amerikaner in Österreich eindämmen wollte, wurde er diffamiert und Opfer einer Rufmordkampagne – mit Parallelen zu den Erfahrungen, über die Drake und Machon im Film sprechen.

Ausgeblendet wurde auch, dass Geheimdienst-Whistleblower und -Veteranen, engagierte Politiker, Journalisten und Aktivisten zu ähnlichen Schlüssen kommen, was internationale Politik (unter dem verdeckten Einfluss von Geheimdiensten) betrifft. Dabei äußern sich Whistleblower dazu ebenso wie andere, Annie Machon etwa auf ihrer Webseite, in Kommentaren und Interviews. In einem Interview im Standard sagt Settele zur Frage, wie schwer denn Kontaktaufnahme mit Informanten war, zumal Mails beim ORF nicht verschlüsselt werden dürfen: „Relativ schwierig, weil die Anfragen aus der ganzen Welt bekommen. Annie Machon, Agentin des britischen Geheimdienstes MI5, ist nach ihrem Ausstieg durch ganz Europa gejagt worden. Viele legen ein sehr defensives Kommunikationsverhalten an den Tag und verlangen zum Teil zwei, drei Referenzen, damit sie überhaupt mit dir Kontakt aufnehmen. Alle Whistleblower ändern nach einem gewissen Rhythmus ihre Kontaktmöglichkeiten. Ich weiß nicht, ob ich sie heute noch erreichen würde. Aber: Von Annie Machon oder Thomas Drake (Ex-NSA-Mitarbeiter, Anm.) habe ich keine Telefonnummer oder E-Mail-Adresse. Die sind nicht im digitalen Raum verfügbar wie ein Billa-Prospekt.“


Annie Machon mit Hanno Settele (Foto: ORF)

Tatsächlich gibt Machon, die oft eingeladen wird, Medienvertretern und Politikern Visitenkarten mit ihrer Mailadresse, und sie ist durchaus heute noch erreichbar, wie man an den Einträgen auf ihrer Webseite sieht. Positiv ist zu bemerken, dass der ORF korrekt darstellt, warum sich Machon und ihr damaliger Partner David Shayler vom MI5 losssagen – als sie erkannten, dass auch Staatsterrorismus zum Kampf gegen Terrorismus gehörten, für den unter anderem an Universitäten Personal rekrutiert wurde. Machon hatte eigentlich die Absicht, in den diplomatischen Dienst zu gehen, erzählt sie, und bewarb sich beim Außenministerium. Doch sie bekam dann einen Brief vom Verteidigungsministerium, der ihr mysteriös vorkam. Ihr Vater, ein Krimi- und Thriller-Fan ermutigte sie, anzurufen, denn er vermutete zu Recht, dass der Geheimdienst sie anwerben wolle.

Im ORF-Interview fasst sie kurz zusammen, was sie dort lernte, dass sie sofort Berichte zu sehen bekam, über Personen, die als Zielobjekte galten und deren Kommunikation beobachtet wurde. Es ging darum, diese Ergebnisse auszuwerten und zu analysieren, und dann zu entscheiden, ob die Observation abgebrochen wird, weil es sich offenbar um einen Unschuldigen handelt, oder ob die Polizei eine Verhaftung vornehmen soll. Zuerst kam ihr all dies surreal vor, doch nach zwei Wochen hatte sie sich daran gewöhnt. Die Wende kam jedoch, als es um einen Plot gegen Gaddafi ging, wie Settele im Standard zusammenfasst:

„Machon ist ja ausgestiegen, als sie mitbekommen hat, dass ihr Geheimdienst eine Gruppe bezahlt, um Muammar al-Gaddafi umzubringen. Für das wollte sie sich nicht anheuern lassen, sondern um Böses und Terror zu verhindern und nicht, um solche Sachen selbst zu begehen. Ihr damaliger Lebensgefährte, auch ein MI5-Agent, hatte es damals, das war 1997, minutiös vorbereitet, wie sie an die Presse gehen und wo sie dann sein werden, um nicht ausgeliefert zu werden. Am gleichen Tag ist Lady Diana gestorben. Das heißt, die Weltpresse hat 20 Seiten über Lady Dianas Tod berichtet und hinten noch gebracht, dass es da Whistleblower gibt. Nichtsdestotrotz hat sie der Geheimdienst um die halbe Welt gejagt. Zurückgezogen hatten sie sich in einem kleinen Dorf in Frankreich. Ohne Telefon und Internet. Sie wurden selbst paranoid. Wenn sie der Bäcker schräg angeschaut hat, sind sie schon in den nächsten Ort gezogen.“

Machon sagt, dass sie als Whistleblower zunächst einmal zwei Jahre in Haft gekommen wären, während ihnen der Prozess gemacht wird. In „Spies, Lies & Whistleblowers“ bilanziert Annie die „Shayler Affair“, da es Großbritannien mehr auf ihren Freund auf sie selbst abgesehen hatte. Die Medien zugespielten Infos, die wegen des Todes von Lady Di zunächst untergingen, belegten auch, dass der MI5 Sozialisten und linke Politiker verfolgte. Während Machon zwar ebenfalls mit Verhaftung rechnen musste, aber dennoch immer wieder nach Hause reiste, verlangte Großbritannien Shaylers Auslieferung, die Frankreich aber verweigerte. Er kehrte 2000 freiwillig zurück, kam vor Gericht, verteidigte sich selbst, wobei er den „Official Secrets Act“ als menschenrechtswidrig bezeichnete, und wurde zu sechs Monaten verurteilt. Er verbrachte rund acht Wochen in Haft und trug weitere sieben Wochen eine elektronische Fußfessel.

Sowohl Machon als auch Shayler behaupten, dass nicht nur betreffend Gaddafi und andere gezielt Desinformationen in Medien verbreitet wurden, sondern auch über sie beide. Wie Machon im ORF sagt, versuchen sie alles, wenn man abtrünnig ist, und dazu gehört, Whistleblowern die Existenzgrundlage zu entziehen. Darauf verweist auch Thomas Drake, der seine Erlebnisse nach Verlassen der NSA mit einem Schachspiel vergleicht, bei dem der Gegner ohne Regeln spielt. Er versteht unter legitimer Tätigkeit der NSA, dass man keine Massenüberwachung betreiben darf, die wie ein Schleppnetz alles abfischt. Sondern wollte, dass die Privatsphäre der Menschen geschützt ist, die keine Zielobjekte sind.

Als er öffentlich Kritik übte, wagten es viele nicht mehr, mit ihm zu sprechen, da die NSA ihre Mitarbeiter auch außerhalb des Jobs überwacht. Ein Mann habe ihm mit Tränen in den Augen gestanden, dass er Angst habe, aber er müsse eine Hypothek abbezahlen. Man sorgt dafür, dass Whistleblower „sozial isoliert“ werden, nicht nur gegenüber (ehemaligen) Kollegen, sondern auch in der Öffentlichkeit, weil sie gezielt diffamiert werden. Selbst die eigenen Angehörigen wussten nicht mehr, wem sie glauben sollten, und Drakes Paria-Status schnitt ihn nicht nur von NSA-Kollegen ab, sondern auch von Navy und Air Force, früheren Stationen seiner Laufbahn.

2010 beschuldigte ihn die US-Regierung, geheime Dokumente preisgegeben zu haben, was bedeutete, ihn (wie es jetzt Edward Snowden droht) nach dem „Espionage Act“ von 1917 anzuklagen, der die Todesstrafe als Höchststrafe vorsieht. Bei der NSA wurde er 2001 technischer Direktor für Software-Entwicklung und wurde in die interne Debatte über die Projekte „Trailblazer“ und „ThinThread“ involviert, wobei er zur Minderheit gehörte, die Letzteres bevorzugte, weil dabei die Privatsphäre von US-Bürgern (nicht von Menschen im Ausland) geschützt werden konnte. Trailblazer verletzte die Privatsphäre, die US-Verfassung und war außerdem viel teurer als das andere Projekt. NSA-Direktor Hayden entschied sich dafür, und Drake beschwerte sich nach dem Intelligence Community Whistleblower Protection Act bei seinen Vorgesetzten, dem NSA-Generalinspekteur und jenem des Verteidigungsministeriums, und bei den Geheimdienstausschüssen von Repräsentantenhaus und Senat.

Basierend vor allem auf Drake verfassten die Mitarbeiterin der Republikaner Diane Roark und die ehemaligen NSA-Mitarbeiter William Binney, Ed Loomis und J. Kirk Wiebe im Jahr 2002 einen Bericht an den Generalinspekteur des Verteidigungsressort über Probleme bei der NSA. Fünf Jahre später fanden Hausdurchsuchungen bei Roark, Binney und Wiebe statt, wenige Monate danach auch bei Drake, dessen Computer, Dokumente und Bücher beschlagnahmt wurden. „Sie haben alles getan, um mich zu zerstören“, meint Drake rückblickend, dem man letztlich nur nachweisen konnte, einen fremden Computer benutzt zu haben und der Edward Snowden inspiriert hat. Wie Machon findet er es absurd, Terroristen durch Massenüberwachung aller jagen zu wollen, denn man hat damit noch nie jemanden ausfindig gemacht, der Terrorist ist.

Wie Drake hatte Machon eine ethische Grenze und stieg aus, als sie diese überschreiten sollte; jene, die bleiben, unterwerfen sich dem „Gruppendenken“ und verlieren ihre Skrupel. Da sie aber bei einem Geheimdienst gearbeitet hatte, wusste sie, was auf sie zukommt, wenn sie nicht mehr mitmacht: „Wir mussten ihnen immer einen Schritt voraus sein“, sagt sie. „Es geht um die soziale Kontrolle der Gesellschaft“, meint Drake, was man auch daran erkennen kann, dass – wie Snowden berichtet hat – in der NSA recht unbekümmert mit Daten umgegangen wird, wie man mit den Massenüberwachungsprogrammen abschöpft. So wurden, sagt Snowden, intime Mails und Nacktfotos unter den Mitarbeitern herumgereicht. Annie Machon warnt davor, Skype zu vertrauen, das keineswegs sicher ist, aber von Menschen, die Fernbeziehungen führen, gerne auch für sexuelle Kommunikation verwendet wird (der britische Geheimdienst und NSA-Partner GCHQ ist bei Skype-Unterhaltungen dabei).


Annie Machon im Mai in Wien

Erich Möchel arbeitet für FM4 und gilt als österreichischer Geheimdienstexperte, der in Interviewpassagen alles jedoch eher scherzhaft abhandelt. Er zeigt einen Aufbau auf dem IZD-Tower bei der Wiener UNO-City,m also ein Special Collection Service von NSA und CIA, und erklärt, dass im Stockwerk unter dem Dach nur von  US-Geheimdiensten genutzte Büros seien. Kurz sieht man die „NSA-Villa“ in Wien-Währing von oben und Bilder von der Horchstation Königswarte, mit der das Heeresabwehramt den USA dient. Zum Thema Wien gibt es dann noch ein paar Zitate von einem ehemaligen BND-Mann, passenderweise in einem Kaffeehaus aufgenommen, und von Gert Polli (Café und Sightseeing-Bus) sowie vom Grazer Experten Siegfried Beer, der stets herunterspielt, wenn es um US-Spionage geht.

Zu erfahren sind Banalitäten, die Settele kritisch betrachten müsste, der gegenüber dem Standard immerhin sagt: „Ist es ein amerikanischer Provider, verlangt die NSA, dass der gesamten Traffic mitgelesen wird. Egal um welches Land es sich handelt. Hier sind die europäischen Staaten nachlässig. Nur weil eine US-Firma in Österreich tätig ist, kann es nicht sein, dass die hier ihr Hoheitsgebiet auspacken. Dann soll sie es in die Botschaft geben, dort können sie machen, was sie wollen. Ich glaube: Wenn du in Österreich etwas machst, solltest du österreichischen Gesetzen unterliegen. Außer in deiner Botschaft. Dort kannst du gern aufführen, was du willst.“

Doch er meint auch, dass es „mehrere Vorteile“ für Geheimdienste in Österreich gäbe: „Erstens ist die Gesetzeslage so schwammig, dass man mehr oder weniger alles machen kann, solange es nicht gegen Österreich gerichtet ist. Aber: Was ist gegen Österreich gerichtet und was nicht? Das ist eine lasche Wo-kein-Kläger-da-kein-Richter-Haltung. Zweitens ist Wien eine der sichersten Großstädte der Welt und Sitz vieler internationaler Organisationen. OPEC, Uno oder Atomenergiebehörde. Wien ist ein traditioneller Treffpunkt. Bevor der Eiserne Vorhang fiel, war Wien die östlichste Hauptstadt der sogenannt freien Welt.“ Polli ist nicht wirklich hilfreich, was Spionage gegen Österreich betrifft, da er meint, man vermittle anderen Diensten, dass sie „uns in Ruhe lassen sollen“ und „hier bei uns niemanden entführen und töten“ dürfen.

Und wenn jemand dazu nicht bereit ist, „hilft die Kronen Zeitung“, gemeint ist, in die Medien gehen und Agenten outen (gerade dieses Blatt ist aber stramm auf US-Kurs). Settele stellt dies nicht in Frage, und er hakt auch nicht nach, als Polli sagt, dass „targets“ der USA, „Politiker zum Beispiel oder Journalisten“ ohnehin keine Chance auf Schutz vor Überwachung hätten, sondern „wie ein offenes Buch“ für Geheimdienste wären. Dabei geht es hier um weit mehr als darum, dass man z.B. Handy- und GPS-Daten zu lückenlosen Bewegungsprofilen verknüpfen kann, was Settele gegenüber dem Standard anführt. Das Interessante an Zielpersonen sind ihre Gesprächsinhalte und ihre Kontakte, gerade wenn es Personen sind, die keine US-Vasallen sein wollen und die Geheimdienstoperationen gegen Österreich erkennen und gegen die mit allen Mitteln (unter Duldung und Komplizenschaft österr. Behörden) vorgegangen wird.

Es liegt nicht, wie Polli behauptet, an veralteter Technik österreichischer Dienste (die er als in den 1960er Jahren stehengeblieben bezeichnet) und „hoffnungsloser Überlegenheit“ der US-Dienste, sondern am fehlenden Willen. Es stimmt schon, dass auch das Aufspüren von Überwachung, um gegen sie Maßnahmen zu ergreifen, schwierig ist; jedoch gibt es in der Politik auch keinerlei Anzeichen dafür, dass Österreich dies auch nur beabsichtigt (während es einer IT-Firma gelang). Dies wird deutlich, wenn man Außenminister Sebastian Kurz fragt, was er gegen das Ausspionieren unserer internationalen Gäste unternimmt, und auch von Schweigen und Mauern von Verteidigungsminister Gerald Klug unterstrichen.

„Passiv statt neutral“ nennt Fabian Schmid im Standard (29.11.) das Verhalten Österreichs angesichts der Verhandlungen über das iranische Atomprogramm, wo doch auch die IAEA ausgespäht wird. Denn Kurz war als Gastgeber stolz, dass Gespräche in Wien einen „Imagegewinn“ für uns bedeuten würden, übersieht dabei aber (wieder einmal), dass die IEAO eines der NSA-Ziele ist und inzwischen bekannt ist, dass die Atombehörde mit einem Trojaner infiziert wurde und man wichtige Dokumente gestohlen hat. „Wenn Österreich als neutraler Vermittler ernst genommen werden will“, meint Schmid, darf man derlei nicht passiv hinnehmen, zumal wahrscheinlich ist, dass „als Beifang“ auch Daten österreichischer Bürger abgesaugt werden.

„Doch die Neutralität wird hierzulande so interpretiert, dass ein NSA-Untersuchungsausschuss gar nicht erst probiert und staatsanwaltschaftliche Ermittlungen ohne Resultate abgebrochen werden.“ Tatsächlich scheint der Regierung auch egal zu sein, dass sie selbst und damit die österreichische Politik (und die Bevölkerung) überwacht werden, was Bände spricht hinsichtlich der Souveränität Österreichs und keineswegs „nur“ die Neutralität in Frage stellt. Bundeskanzler Werner Faymann war stets auf Tauchstation, wenn es um US-Geheimdienste ging, und ein U-Ausschuss (den Deutschland immerhin eingesetzt hat, auch wenn die Generalbundesanwaltschaft genauso feige ist wie die Staatsanwaltschaft Wien) ist illusorisch.

Wie oberflächlich die ORF-Doku ist, merkt man auch daran, wer NICHT interviewt wurde und was NICHT thematisiert wurde. Dafür sprach man mit dem deutschen Chaos Computer Club, dem Kabarettisten und Handy- und Internetverweigerer Roland Düringer und dem Thrillerautor Marc Elsberg („Blackout“ über Stromausfall in Europa, „Zero“ über Massenüberwachung). Immerhin wäre ein Schritt zur Veränderung, dass es mehr Journalisten wie Schmid gibt, der beharrlich an diesem Thema dran ist und auch dabei war, als Annie Machon im Mai dieses Jahres Medien für ein Hintergrundgespräch zur Verfügung stand.

Dabei darf auch nicht vergessen werden, dass Settele nur „signals intelligence“ behandelt, nicht jedoch „human intelligence“. Annie Machon sagt, dass Massenüberwachung es leichter macht, Informationen zu sammeln, sie aber keine Spionage im eigentlichen Sinn ist. Zur dieser und zu verdeckter Vorgangsweise gehört auch, Medien zu instrumentalisieren, um via veröffentlichte Meinung Stimmungen zu steuern, Maßnahmen durchzusetzen, vorzugeben, in welche Richtung politische Entscheidungen gehen sollen. Damit verbunden ist auch, dass man versucht, in Parteien Einfluss zu nehmen, nicht nur über gekaufte Politiker, sondern auch durch Manipulation der Parteien und das Marginalisieren jener Personen, die sich nicht kaufen lassen wollen, sondern integer bleiben und das eigene Land vertreten wollen.

Um verdeckte Operationen zu erkennen, brauchen die österreichischen Diensten ebenso wie die Geheimdienste anderer Staaten keineswegs Massenüberwachung, sondern „human intelligence“ und Analyse von Vorgängen. Zu jenen, die Settele NICHT interviewt hat, gehört der frühere Chef des Heeresabwehramtes Wolfgang Schneider, der die Kampagne der SPÖ zur Bundesheer-Volksbefragung 2013 als „Spiel mit verdeckten Karten“ bezeichnete, was weniger kryptisch verdeckte Aktion bedeutet. Es wäre doch interessant für die österreichische Bevölkerung zu erfahren, wie man zu solchen Schlussfolgerungen kommt und ob die Entwicklung seither – das Kaputtsparen des Heeres mit dem Ziel, auf diesem Weg die Umstellung auf eine Einsatzarmee für Kampfeinsätze und den Beitritt zur NATO zu erreichen – nicht bestätigt, was u.a. Schneider vor zwei Jahren wusste.

Schade, dass nur das Datensammeln im Visier der ORF-Doku stand, zumal sich aus dem Wissen über Geheimdienstarbeit auch ergibt, dass man internationale Politik anders einschätzt als viele andere. Dies sieht man zum Beispiel bei einem Kommentar von Annie Machon: „So why now is Russia being internationally exco­iated and penalised for actions for which it is not responsible?  Over the last few years it has looked statesman­like compared to the US and its vassal states: it was not involved with the Libya fiasco, it has given safe haven to NSA whistleblower Edward Snowden, and it halted the rush to yet another disastrous western war in Syria.“ Zu den Vasallen gehören auch EU-Staaten, die meist jede eigenständige Politik vermissen lassen (was man in Österreich auch bei der Verantwortung der Regierung für Landesverteidigung erkennen kann).

Ähnlich sieht dies der russische Präsidentin Putin, dessen Land anders als die EU bereit ist, Edward Snowden zu schützen: „Während für europäische Staaten der Nationalstolz als Begriff schon längst nicht mehr existiert und Souveränität eine Luxussache ist, ist eine reale Staatssouveränität für die Existenz Russlands absolut notwendig“, ist ein Putin-Zitat, und ebenso: „Manchmal wissen wir nicht einmal, mit wem wir sprechen sollen – mit den Regierungen einiger Staaten oder unmittelbar mit ihren amerikanischen Schirmherren“. Russland wolle „mehr gleichberechtigte Partner sowohl im Westen als auch im Osten“ gewinnen.
In der Doku sagt Gert Polli einmal, dass Geheimdienste nicht kontrolliert werden, was auch für Österreich gilt. Hier haben unter Verschwiegenheitspflicht tagende Unterausschüsse zu Innen- und Landesverteidigungsausschuss diese Aufgabe, doch es wird nicht einmal ansatzweise an der Oberfläche gekratzt. Innenministerin Mikl-Leitner ist ein bisschen auskunftsfreudiger als Verteidigungsminister Klug, der niemals einen Unterschied zwischen Interessen der USA und jenen Österreichs erkennen würde (auch wenn dieser Unterschied direkt vor ihm stehen würde).

Natürlich darf man unter Verwies auf die „nationale Sicherheit“ Auskünfte verweigern, doch es muss sich dabei um die eigene handeln und kann nicht bedeuten, dass dieser in Wahrheit durch einen fremden Staat geschadet wird und wir das hinzunehmen haben. Polli meint, Geheimdienste entwickeln Eigendynamik, gerade auch weil sie niemals wirklich kontrolliert werden, und sie hätten auch „keinen klar definierten politischen Auftrag“. In den USA erteilen sich Geheimdienstveteranen (und aktive, die ihnen Infos zukommen lassen) längst selbst einen Auftrag, indem sie öffentlich dagegen auftreten, dass auf der Basis von Desinformationen Politik und Kriegshetze betrieben wird. Sie sehen ihre Basis in Verfassung und Gesetzen – das wäre ein gutes Motto für all jene, die in anderen Ländern nicht länger zusehen wollen, wie Politik von US-Vasallen „gemacht“ wird.

Alexandra Bader
alexandra@ceiberweiber.at

via spynet

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