Wie es sich als #Kanake in Deutschland lebt

Wie es sich als Kanake in Deutschland lebt

http://www.huffingtonpost.de/feridun-zaimoglu/kanak-sprak-deutschland-migration_b_6301388.html

 

Wie es sich als Kanake in Deutschland lebt

TRKEN

Wie lebt es sich als Kanake in Deutschland, war die Frage, die ich mir und anderen gestellt habe. Kanake, ein Etikett, das nach mehr als 30 Jahren Immigrationsgeschichte von Türken nicht nur Schimpfwort ist, sondern auch ein Name, den »Gastarbeiterkinder« der zweiten und vor allem der dritten Generation mit stolzem Trotz führen.

Es begann damit, daß die Idee einer temporären »Gastarbeit« in Deutschland sich als nicht lebbar herausstellte: »Gastarbeiterkinder« wurden geboren, »Immigranten der zweiten Generation«, die erste Generation der Kanaken. In Deutschland wuchsen sie auf, hier gingen sie zur Schule.

In der Schule wurde deutsch, zu Hause türkisch gesprochen. Sie wohnten in engen, schäbigen Verschlägen und kalten Häusern, in denen es von der Decke tropfte und die Wände Risse zeigten. Die Mütter standen den ganzen Tag in der Küche; zeigten die ersten Gebrechen.

Die Väter bekamen krumme Rücken, Magengeschwüre und griffen öfter zum Prügelstock. Die Mädchen werden auf ihre traditionelle Rolle als Ehefrau vorbereitet. Ihre prägenden Erfahrungen machen sie aber außerhalb des Elternhauses.

Auf der Straße, im Supermarkt, in der Disco ist von Zumutung die Rede, vom vollen Boot und vom seidenen Geduldsfaden. In den Klassenzimmern wird es still, wenn die »Kümmel« eintreten. Aufgeweckte Kinder werden zu Problemfällen gestempelt und wandern in die Sonderschulen.

Die Deutschen versuchen, aus der Misere schlau zu werden. Studien werden in Auftrag gegeben, Statistiken erstellt, die Migrationsforschung zeitigt Ergebnisse: Man spricht von der Ambivalenz, die das Leben in zwei Kulturen mit sich bringe, einem Generationenkonflikt in der türkischen Familie und schließlich vom fehlenden Integrationswillen. Wahlrecht, doppelte Staatsbürgerschaft etc. sind noch nicht einmal öffentliche Themen.

In dieses Klima hinein wird die zweite Kanakengeneration geboren. Sie ist, wie die meisten Deutschen, weit davon entfernt, der Türkei mehr Beachtung zu schenken als einem Urlaubsland. Sie erlebt, wie die alten und erschöpften Gastarbeiter ihre Koffer packen.

Viele Türken nehmen das Rückkehrhilfegesetz in Anspruch und ziehen mit der Abfindung in die Heimat zurück, auf dass sich ihr Traum vom Leben noch zu Lebzeiten erfülle. Die Kinder werden aus dem vertrauten Milieu herausgerissen und im Land ihrer Väter und Mütter einer Zwangsassimilation ausgesetzt.

Nicht wenige Kinder begehen Selbstmord, viele erkranken auf Dauer psychosomatisch. Sie werden in den türkischen Dörfern und Städten als »Deutschländer« angefeindet.

Die bleiben, wissen davon, wissen, dass sie nicht zurückkehren können. Auf das ungemütlicher, gar bedrohlich werdende Deutschland reagieren türkische Eltern mit der Forderung nach unbedingter Treue zur Tradition, mit dem Bekenntnis zum Gastarbeiter-Ethos in den Ghettos. Manche entdecken die Religion neu. Eine mögliche Assimilation erstickt im Korsett deutscher Paragraphen. Der Weg in die endgültige Auflösung der Gruppe, die nie eine homogene »Ethnie« gewesen ist, ist vorgezeichnet.

Als selbstbewusstes Individuum aber existiert der Kanake auch nur auf dem Passfoto. Er lebt in dem Gefühl, minderwertig zu sein, fehlzugehen oder auf Abwege zu geraten. Manch einer wandert als krankes Exotikum in die geschlossene Abteilung: Impotenz als freiwillige Selbstverstümmelung, Depressionen, Schizophrenie. Die draußen bleiben, sind einer neuen Form modischer Vereinnahmung ausgesetzt: dem Märchen von der Multikulturalität.

Der Kanake taugt in diesem Falle als schillerndes Mitglied im großen Zoo der Ethnien, darf teilnehmend beobachtet und bestaunt werden. »Türkensprecher« gestalten bunte Begleitprospekte für den Gang durch den Multikulti-Zoo, wo das Kebab-Gehege neben dem Anden-Musikpavillon plaziert wird.

Eine weinerliche, sich anbiedernde und öffentlich geförderte »Gastarbeiterliteratur« verbreitet seit Ende der 70er Jahre die Legende vom »armen, aber herzensguten Türken Ali«. Sie verfasst eine »Müllkutscher-Prosa«, die den Kanaken auf die Opferrolle festlegt. Die »besseren Deutschen« sind von diesen Ergüssen »betroffen«, weil sie vor falscher Authentizität triefen, ihnen »den Spiegel vorhalten«, und feiern jeden sprachlichen Schnitzer als poetische Bereicherung ihrer »Mutterzunge«. Der Türke wird zum Inbegriff für »Gefühl«, einer schlampigen Nostalgie und eines faulen »exotischen« Zaubers.

Die deutschen Ausländerbeauftragten sind froh, mittels ABM und BSHG 19 eine Stelle gefunden zu haben, und stümpern mit dem Viertelwissen ehemaliger Honorarkräfte vor sich hin. Aber schon um einen Namen für seine Klientel ist man verlegen: »Gastarbeiterkind«, »ausländischer Mitbürger« oder eben doch »Türke«? Der Volksmund weiß es besser: Er spricht vom »Kümmel« und »Kanaken«.

Dieser Beitrag basiert auf dem Buch „Kanak Sprak / Koppstoff“.

via kannet

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