Paris: Auch in Frankreich machen #Wutbürger mobil

Paris: Auch in Frankreich machen #Wutbürger mobil

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Paris. Sie sind gegen Feriendörfer, Bahntrassen und Staudämme: Eine neue, radikale Öko-Protestbewegung erfasst Frankreich. Darunter könnte auch der Tourismus leiden. Die Regierung will die Wutbürger mit lokalen Referenden besänftigen. Von Christine Longin

Rund tausend kleine Holzhütten, ein Spaßbad mit künstlichen Palmen und mehrere kinderfreundliche Restaurants – so soll die Center-Parcs-Anlage in Roybon in der Nähe der französischen Alpenstadt Grenoble einmal aussehen. Wenn sie denn überhaupt gebaut wird. Denn das ist nicht sicher. Seit Wochen protestieren Umweltschützer gegen das Projekt, das in einem Feuchtgebiet entstehen soll. Dort, wo das Feriendorf geplant ist, hat eine Handvoll Aktivisten ein Protestcamp errichtet. „ZAD“ steht am Eingang auf einer Holzlatte, die Abkürzung für „Zone à defendre“ – Verteidigungszone.

Roybon ist nicht der einzige Ort in Frankreich, der eine solche Zone hat. Die bekannteste liegt in der Nähe der westfranzösischen Stadt Nantes, wo der neue Großflughafen Notre-Dame-des-Landes geplant ist. Seit 2007 halten Aktivisten dort das Gelände besetzt, ein geschütztes Sumpfgebiet. Immer wieder gibt es Straßenschlachten zwischen militanten Umweltschützern und der Polizei, wie Deutschland sie vom Protest gegen die Atommülltransporte nach Gorleben kennt.

Allerdings richtet sich Frankreichs Protestbewegung nicht gegen die Gefahren der Atomkraft. Es sind eher neue Trassen für den Hochgeschwindigkeitszug TGV, Einkaufszentren und Massentierfarmen, die die militanten Öko-Aktivisten auf den Plan rufen. Traurige Schlagzeilen machten Ende Oktober die Proteste gegen einen Staudamm im südfranzösischen Sivens: bei Auseinandersetzungen zwischen Staudammgegnern und der Polizei wurde der Demonstrant Rémi Fraisse durch eine Polizeigranate getötet.

„Die Aktivisten wollen eine Gesellschaft, die auf anderen Grundlagen beruht als der Ausbeutung der Natur“, sagt der Experte für Protestbewegungen, Nicolas Haeringer, der Zeitung „Le Monde“. Gleichzeitig sind die radikalen Umweltschützer von der Idee fasziniert, auf Entscheidungen Einfluss zu nehmen. Der Staudamm in Sivens, den ein Expertengutachten ohnehin als überdimensioniert kritisiert hatte, liegt erst einmal auf Eis.

Auch das Flughafenprojekt in Nantes stoppte die Regierung nach den massiven Protesten Ende 2012 vorerst. Und in Roybon stehen die Bagger ebenfalls still – zumindest bis Donnerstag. Dann soll das Verwaltungsgericht Grenoble entscheiden, ob weitergebaut werden darf. Das hoffen zumindest die meisten Einwohner von Roybon, für die die mehr als 400 Arbeitsplätze des Feriendorfs willkommen sind. Sie gehen ebenso auf die Straße wie die Gegner des Center Parcs. „Die Mobilisierung hängt auch mit Forderungen nach mehr Demokratie zusammen. Es gibt eine Idee absoluter Gleichheit: Jeder kann mitentscheiden“, erklärt Haeringer das Phänomen ZAD.

Die sozialistische Regierung reagierte spät auf die Wutbürger. Nach dem Tod von Rémi Fraisse dauerte es zwei Tage, bis Präsident François Hollande sich dazu äußerte. Inzwischen hat der Staatschef allerdings erkannt, dass wilde Protestcamps und verletzte Demonstranten das Bild Frankreichs im Ausland trüben. Vor allem vor dem Klimagipfel im kommenden Jahr, bei dem der Sozialist Gastgeber ist. Der Präsident, der gerade sein Herz für den Umweltschutz entdeckt hat, will deshalb die Bürger bei Großprojekten mehr einbinden. „Sivens fordert zusätzliche Schritte bei der Beteiligung der Bürger an öffentlichen Entscheidungen“, sagte der Staatschef bei einer Umweltkonferenz. Volksbefragungen könnten in Gemeinden für Klarheit sorgen. In den kommenden sechs Monaten sollen Vorschläge auf dem Tisch liegen für mehr Bürgerbeteiligung, die in Frankreich bisher deutlich komplizierter ist als in Deutschland.

Hollandes Initiative wird vor allem die Grünen freuen, die im Frühjahr aus seiner Regierung ausgeschieden sind. Auch wenn viele prominente Mitglieder gegen den Flughafen Notre-Dame-des-Landes demonstrieren, profitiert die Partei nicht von dem neuen Umweltbewusstsein. Denn die Öko-Aktivisten wollen sich nicht vereinnahmen lassen: „Sie sind sehr misstrauisch gegenüber allen Parteien“, sagt Haeringer.

via vernet

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