Rohkostberater: Propagandisten einer Kostform mit grenzwertig eingeschränktem Produktangebot

Rohkostberater: Propagandisten einer Kostform mit grenzwertig eingeschränktem Produktangebot

http://blog.psiram.com/2014/12/ein-bullshit-diplom-fuer-den-grassaft-nur-bei-der-ihk-pfalz/

gras
Der Ärger über die Verbreitung obskurer Heils- und Heilungslehren in Volkshochschulen reißt nicht ab. Dabei sind das beileibe nicht die einzigen Körperschaften des öffentlichen Rechts, die ihre Ressourcen der Unterminierung des gesellschaftlichen Bewusstseins mit Bullshit zur Verfügung stellen. Und manchmal findet man die Mineure sogar dort, wo man sie am wenigsten erwartet: bei den ehrwürdigen Industrie- und Handelskammern. Stein des Anstoßes ist hier konkret die IHK Pfalz mit Sitz in Ludwigshafen.

Von einer Industrie- und Handelskammer in der Pfalz, dem Land so vorzüglicher regionaler Spezialitäten wie dem Saumagen (jawohl!), Zwiwwelkuche, Flääschknepp, Grumbeersupp, Kerscheplotzer, Riesling und Burgunder, würde man, wenn es um die Förderung beruflicher Qualifikationen geht, nicht unbedingt auf die Rohkostmasche tippen. In Ludwigshafen tut man genau das. Dort kann man, nachdem man einen Kurs bei der „kulinaRoh Schule für Rohkost“ der Firma “lifefood Rohkost AG” aus Mitterteich (allerdings in der fränkischen bayerischen Oberpfalz gelegen) absolviert hat, ein „einzigartiges“ IHK-Zertifikat als „Fachberater/in für Rohkosternährung (IHK)“ erlangen.

Es ist nicht sicher, ob man sich bei der Kammer klar gemacht hat, dass hier nicht etwa über Rohkost als Ernährungsvariante unterrichtet werden soll, sondern offensichtlich Werbung füresel eine schwer ideologiebefrachtete Ernährungsheilslehre mit Wurzeln in ziemlich unappetitlichen Sümpfen getrieben wird. Mit anderen Worten: es werden dort keine Fachleute ausgebildet, die sich von einem objektiven Standpunkt dem Thema nähern und beraten, sondern Propagandisten einer Kostform mit grenzwertig eingeschränktem Produktangebot. Und, was sich davon offensichtlich gar nicht trennen lässt: Propagandisten von wissenschaftlich längst widerlegten Ernährungs- und Gesundheitsirrlehren bekommen ein Podium mit hochoffiziösem Ritterschlag geboten, von dem aus sie den Bullshit breittreten können.

Nach erfolgreichem Abschluss des Kurses sind die Teilnehmer in der Lage, Menschen über Rohkosternährung zu beraten, im Bereich der Rohkost weiterzubilden, Zubereitungskurse durchzuführen oder in Lebensmittelherstellung und entsprechendem Fachhandel fundierte Kenntnisse einzubringen.

Das möchten wir bei der Auswahl der Dozenten dann doch bezweifeln. Es findet sich eine Reihe von Vertreibern von Rohkostprodukten sowie Köche mit Spezialisierung auf Rohkostzubereitung; selbst der Herr Diplom-Ökotrophologe verdient sein Geld in einer Firma „Rohschoko“. Keiner der Dozenten, die sich anheischig machen, Informationen über Rohkost als grundlegende Ernährungsform zu vermitteln, ist wirtschaftlich ohne Eigeninteresse an der Sache.

Und mehr noch: die Lehrgangsthemen reichen so weit in den ideologischen Überbau hinein, dass Einfallstore für weitere seltsame Steckenpferde der DozentInnen aufgetan werden:

Der Herr Hotelier und Küchenkünstler Stefan Walch lässt in seinem Hotel durch Ehefrau Doris Walch, die sich der Pseudoqualifikation einer Reiki-Lehrerin rühmt, Personaltrainingskurse abhalten.

Monika Blanz schiebt auf ihrer Homepage Reklame für Granderwasser.

Petra Birr, ausgebildete Heilpraktikerin, leitet in Berlin eine „Akademie für Ernährung“, auf deren Seite “germanygoesraw” der sattsam bekannte Kopp-Verlag mit seinen seltsamen Autoren auftritt, zusammen mit Werbung für allerlei Wasserverwirbler, Wasserionisierer, Wasserbeleber und Wasserentstörer.

Giesela Beyer schwärmt von „more joy in life Re-gaining access to your natural intuition and expanding your spiritual horizon”.

“Ernährungscoach” Maria Kageaki” promotet hauptsächlich Antioxidatien, Radikalenfänger und Chlorophyll, und das alles nicht ohne feinstofflich-spirituellen Überbau. Ihre besondere Marotte ist Grassaft.

grassaft

Volker Reinle-Carayon ist Veranstalter einer Rohkostmesse namens „Rohvolution“, auf deren Netzauftritt man auch keine Berührungsängste gegenüber Wasservitalisierern der Marke Leogant, Handtüchern und Bettwäsche mit Feng-Shui-Dekoren und Kristallfetischen mit Chakra-Motiven kennt.

Klemens Reif betätigt sich mit seiner Firma „lifefood“ im Vertreib so nützlicher Produkte wie Himalayasalz und allerlei Algenzeugs.

Und den Vogel schießt ab: „Haut-Cuisinier“ Urs Hochstrasser, der seinem Namen hier und dort ein „Maharaj“ anhängt und einen Doktortitel (erworben angeblich in “Alternativmedizin, Akupunktur usw.”) voranstellt. Er beliebt, sich über Dinge zu hochstrasserverbreiten wie „Rohkost im heilerischen und spirituellen Zusammenhang“, Chlorophyll, Kraftorte, Chi sowie, vorsichtig ausgedrückt, nicht mehrheitsfähige Theorien über Ursachen von Krankheiten. Nebenbei bewirbt er „bewusst.tv“, „alles-schall-und-rauch.blogspot.com“, „anti-zensur.info“ und noch eine ganze Reihe weiterer Obskurantisten-Plattformen, mit denen er sich, den dort gegebenen Interviews zufolge, offensichtlich gleichgesinnt fühlt; die Rubrik „Wissenswertes“ seiner Homepage bietet ein Kompendium praktisch aller alpenländischen Weltverschwörungstheoretiker. Wer möchte, findet ihn mit zahlreichen Videos auch auf Youtube, die einen offensichtlichen Fanatiker zeigen – wobei seine Themen und Verbindungen nahtlos bis hinab in die Tiefen der Chemtrail-Szene reichen. Und wer dann die Nase noch nicht voll hat, kann in seinem Buch über Rohkost für Kleinkinder blättern. Hochstrasser ist in diesem ganzen Panoptikum wahrscheinlich die schrägste und bedrohlichste Figur.

Das also ist das Dozentenkabinett, das mit dem Segen der IHK Pfalz unter anderem Themen abarbeiten soll wie

  • Philosophisches zur Rohkost
  • Wertigkeit von Lebensmitteln
  • Schadstoffe in Lebensmitteln
  • Alltagsgifte
  • Zerstörung von Lebensstoffen
  • Lebensführung
  • Beziehungen
  • Geist und Seele

Die Vorstellung, dass da Schulungen zu solchen Themen von einem Chemtrail-Anhänger mit Auftritten auf Plattformen wie „bewusst.tv“ oder „anti-zensur.Info“ durchgeführt werden, hat etwas Beklemmendes. Einer, der lecker kocht (kocht er überhaupt, oder raffelt er nur?), als Wegbereiter von Jo Conrads “bewusst.tv”; eine lustig anzuschauende Salatmamsell, die Kopp-Bücher promotet – das sind Horrorvisionen.

Was hier den Segen einer IHK erhält, ist mehr und schlimmer als das sprichwörtlich gewordene Jodeldiplom. Es ein Bullshit-Diplom mit offiziellem Siegel. Hier wird eine Ideologie gefördert, der es völlig egal ist, ob sie ihre Behauptungen belegen kann oder nicht – Hauptsache, sie setzt sich durch, es ist ja für einen guten Zweck. Solches Zeug, wie es hier „gelehrt“ wird, sollte da bleiben, wo es – unausrottbar – zuhause ist: in den randständigen Elendsquartieren des gesellschaftlichen Diskurses, in der Sektenszene. Nicht aber sollte es auf dem roten Teppich mitten hinein fahren können, wo es Sprache und Verständigung über die Dinge der realen Welt verdirbt.

Das, liebe Industrie- und Handelskammer, schreib Dir bitte ins Merkheft.

via vegnet

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