Planet-Hacking – Geo-Engineering

Planet-Hacking – Geo-Engineering

Was „Verschwörungstheoretiker“ längst wissen: Sie können und werden das Klima manipulieren!


Die Wissenschaftsgemeinde redete sich die Köpfe heiß. In einem Berliner Hotel diskutierten zahlreiche angesehene Persönlichkeiten aus der Klimaforschung über ein Dokument von einer Seite Länge, das sie vorläufig mit „Berliner Erklärung“ überschrieben hatten. Diese empfahl Grundregeln für die Durchführung von Versuchen, die Erde künstlich abzukühlen—im Grunde nichts anderes als Planeten-Hacking. Dieses ist gemeinhin als Geo-Engineering bekannt, und den größenwahnsinnigen Plänen von Bond-Schurken durchaus ebenbürtig, wenn auch mit edleren Absichten.

So könnten Jets in großer Höhe Schwefelaerosole in die Atmosphäre freisetzen, um einen Bruchteil der dort eindringenden Sonnenstrahlen abzublocken.

Es könnten aber auch Drohnenflotten auf die Ozeane hinausgeschickt werden, um Salzwasser in Wolken zu sprühen, damit diese sich aufhellen und folglich mehr Sonnenlicht reflektieren.

Jedes Verfahren für sich würde alljährlich mehrere Milliarden Dollar kosten—angesichts der gesamten Weltwirtschaft Peanuts. Schon bald sollen diese Verfahren im Realexperiment überprüft werden, doch zunächst wollte sich die Wissenschaft auf einen Moralkodex einigen—wie lassen sich Fortschritte erzielen, ohne die Öffentlichkeit in Panik zu versetzen oder Gesetze zu brechen?

Ein Ingenieur erklärte, es bestünde keine Notwendigkeit, „klimatisch unbedeutende“ Feldversuche zu regulieren. Ein anderer widersprach. Auf das bisher einzige Geo-Engineering-Experiment unter realen Bedingungen habe „die Gesellschaft mit tiefer Besorgnis [reagiert]“.

Hugh Hunt, einer der Anwesenden, möchte helfen. Er ist der Inbegriff des zerstreuten Professors: munter und rotwangig mit einem regen Geist, der es ihm nicht nur erlaubt, eine beeindruckende Fülle von Fakten über die globale CO2-Produktion herunterzurattern, sondern auch unvermittelt ein Liedchen anzustimmen. Er ist Professor für Ingenieurwissenschaften an der University of Cambridge und eine der Schlüsselfiguren des SPICE-Projekts—Stratospheric Particle Injection for Climate Engineering—das hinter einem der weltweit bekanntesten Geo-Engineering-Experimente steckt. „Ungebremster Klimawandel hat möglicherweise ziemlich schlimme Folgen“, erzählte mir Hunt beim Lunch. „Geo-Engineering einzusetzen, um diese zu beheben, hat möglicherweise auch ziemlich schlimme Folgen. Ich weiß nicht, ob du schon mal einem Krebskranken begegnet bist, aber die Chemotherapie hat gravierende Nebenwirkungen. Deine Haare fallen aus, deine Organe versagen, und dann stirbst du vielleicht. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht wirst du geheilt.“

Haben wir den Klimawandel früh genug erkannt, und können wir ihm mit sanften Methoden begegnen?“ Hunt fuhr fort: „Und falls nicht—fallen wir dann einfach tot um? Oder stehen uns Technologien zur Verfügung, die wir wie eine Art Chemotherapie einsetzen könnten?“

2012 hatten Hunt und seine Kollegen von SPICE geplant, einen riesigen Schlauch an einem Ballon in die Atmosphäre aufsteigen zu lassen, wo er Wasser versprühen sollte, um ein mögliches Ausbringungsverfahren für Schwefelaerosole zu testen. (Bei der Erforschung von Vulkanausbrüchen wurde herausgefunden, dass der ausgestoßene Schwefel die Temperatur auf der Erde vorübergehend absenkt.) Allerdings wurde das Projekt eingestellt, da man die Interessenkonflikte der beteiligten Forscher für bedenklich hielt und es, wie es in der Presse hieß, einen „öffentlichen Aufschrei“ gegen Geo-Engineering gab.

Was genau beunruhigt die Umwelt­aktivisten an dem Projekt?

Solares Geo-Engineering könnte Fol­gen haben wie die Verstärkung der Trockenheit in Afrika, Auswirkungen auf die Regenzeiten oder einen verstärkten Abbau der Ozonschicht.

Außerdem weisen die Aktivisten auf die Gefahr hin, Geo-Engineering durch wissenschaftliche Forschung in dem Bereich noch mehr zum Mainstream zu machen. Steve Rayner, Anthropologe an der University of Oxford, erklärte mir, dass er und seine Kollegen befürchteten, Dinge „denkbar zu machen, die besser ungedacht blieben“.

Er ist aber auch der Ansicht, dass sich diese Idee mittlerweile zu stark durchgesetzt hat und zu viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, als das man sie komplett verdrängen könnte.

Wir befassen uns mit gefährlichen Technologien“, sagte Hunt. „Wenn wir sie sorgfältig und verantwortungsbewusst entwickeln, dann werden die Regierungen, wenn ihnen die Möglichkeit, Geo-Engineering einzusetzen, plötzlich bewusst wird, feststellen, dass die Wissenschaft sich schon damit beschäftigt hat und dass das etwas wirklich Übles ist. Nicht so wie beim Manhattan-Projekt: ‚Hey, auf Kernwaffen ist bisher noch niemand gekommen. Das ist ja toll, die scheinen effizient zu sein, lasst sie uns gleich mal ausprobieren.‘ Und genau das haben sie auch.“

2010 hatten 74 Prozent der Amerikaner noch nie von Geo-Engineering gehört. Seither ist das Thema im New Yorker aufgetaucht, als Background der Handlung in Snowpiercer und als Nachrichtenmeldung, ­nachdem der exzentrische Unternehmer Russ George 100 Tonnen Eisen vor der Küste Kanadas hatte versenken lassen, um herauszufinden, ob es dadurch zu vermehrtem Algenwachstum käme, wodurch CO2 aus dem Meer entfernt würde. Außerdem behaupteten die Autoren von Freakonomics, dass Geo-Engineering ein preisgünstiges Mittel im Kampf gegen den Klimawandel sein könnte. Infolgedessen wird Geo-Engineering nicht mehr nur als eine von der Wissenschaftsgemeinde belächelte Idee betrachtet, sondern könnte von Regierungen, die die globale Erwärmung fürchten, als machbare Alternative in Erwägung gezogen werden.

Erst vor Kurzem hat eine Gruppe von Harvard-Wissenschaftlern neue Forschungsergebnisse zum Klima-Engineering veröffentlicht und einen Vorschlag für ein Experiment unter realen Bedingungen skizziert, um die Auswirkungen von Geo-Engineering auf die Ozonschicht zu testen. Der Hauptautor der Studie meint, das sei in weniger als zwei Jahren realisierbar. Währenddessen lief Rayner im Konferenzraum auf und ab. Mit seinem weißen Bart, seinem weißen Haar und seiner liebenswürdigen Beredsamkeit wirkte er wie John Hammond in Jurassic Park beim Abwägen der ethischen Bedenken in puncto Dinosaurierzucht. „Wir glauben, ein Verbot [von Geo-Engineering-Projekten] ließe sich nicht durchsetzen“, sagte Rayner. „Aber wir haben auch ein mulmiges Gefühl dabei, der Wissenschaftsgemeinde für die Experimente einen Freibrief auszustellen.“

Hunt erhob sich und fragte, wie viele der im Raum Anwesenden eigentlich Ingenieure seien. Es gab nur drei Meldungen. Schließlich gab man das Ziel einer „Berliner Erklärung“ auf. Sie hatte ein Rahmenwerk werden sollen, mit dessen Hilfe Wissenschaftler die Öffentlichkeit hätten überzeugen können, dass künftige Geo-Engineering-Experimente verantwortungsbewusst durchgeführt würden.

Eines macht die Erklärung dennoch deutlich: Immer mehr Wissenschaftler legen ihren Forschungsschwerpunkt auf das Geo-Engineering, doch über ihr weiteres Vorgehen werden sie sich nicht einig. Vielleicht müssen sie das auch gar nicht.

Die Entscheidungen werden in den Hallen der Mächtigen getroffen, nicht auf solchen Versammlungen. Ich sage es nur ungern“, meinte Dr. Wil Burns vom Washington Geoengineering Consortium am letzten Tag der Konferenz, „aber ich sehe uns im Zeitalter des ‚Mis-Anthropozän‘. Es liegt in unserer Natur, uns angesichts von Tragödien Wunderversprechen zuzuwenden.“

Simon Nicholson von der American University hat ähnliche Bedenken. „Sollte sich die politische Rechte das Klima-Engineering als vernünftige Lösung und Antwort auf den Klimawandel aneignen, werden wir einen Klima-Engineering-Rausch erleben“, sagte er in seiner Rede. Und das befürchten alle der auf diesem Gebiet forschenden Wissenschaftler—das Ausmaß des Klimawandels und die relative Wirtschaftlichkeit des Klima-Engineerings wird Regierungen dazu veranlassen, sich technischen Lösungen zuzuwenden, wenn es darauf ankommt.

Klima-Engineering wäre jedoch bestenfalls ein behelfsmäßiges, ziemlich notdürftig aufgeklebtes Pflaster. Schlimmstenfalls reißt es die Wunde sogar noch auf, da es in Zukunft von klimafreundlichem Handeln abhalten wird. Darin liegt die moralische Gefahr von Geo-Engineering—je mehr es den Eindruck erweckt, die richtige Lösung zu sein, desto unwahrscheinlicher wird es, dass die Menschen, die Regierungen und die Unternehmen den Klimawandel auf althergebrachte Weise bekämpfen.

Eine Studie Dan Kahans von der Yale University besagt sogar:

Damit, dass Geo-Engineering als effektives Mittel gegen den Klimawandel eingeführt würde, steige auch die Wahrscheinlichkeit, dass Konservative überhaupt an den Klimawandel glaubten. Das liegt vielleicht daran, dass Geo-Engineering ein kapitalis­tenfreundliches Meisterstück menschlichen Erfindergeistes ist. Es kann von der Industrie als kostenpflichtige Dienstleistung angeboten werden und spricht die menschliche Neigung an, Technologien zur Bewältigung von Problemen einzusetzen. Und ein weiteres Argument dafür: Niemand müsste seinen Konsum einschränken. Einige Experten meinen allerdings, dass Geo-Engineering „kaum kontrollierbar“ sein würde. „Ich bezweifle sehr, dass die Menschheit jemals Schwefelaerosole versprühen wird“, meinte Rayner. „Vielleicht höchstens ein kleiner Inselstaat in einem Akt des zivilen Ungehorsams nach dem Motto ‚Wir schnappen uns eine kleine Flugzeugflotte und machen es, versucht doch mal, uns daran zu hindern.'“

Am letzten Tag der Konferenz, die Erklärung war schon längst begraben, machten die Organisatoren zum Abschluss eine kleine Stichprobe. Glaubten diese Fachleute—die weltweit führenden Experten und Wissenschaftler auf ihrem Gebiet—dass Geo-Engineering noch zu unseren Lebzeiten eingesetzt werden wird? „Wer meint in zehn Jahren?“, fragte der Moderator. Ein paar Wissenschaftler hoben vorsichtig ihre Hände. Mehr Meldungen gab es für „in 20 bis 30 Jahren“. Bei „in 50 Jahren“ hob die Hälfte der Anwesenden ihre Hände. 50 Prozent gingen also davon aus, dass jemand noch in diesem Jahrhundert versuchen wird, das Klima der Erde zu beeinflussen.

http://www.vice.com/de/read/planet-hackers-0000946-v11n1

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